Mehrzweckanlagen (MZAs)

Unter den verschiedenen Schutzbauarten nehmen die MZAs eine besondere Rolle ein. Während ein normaler Hoch- oder Tiefbunker eben "nur" ein Gebäude aus Beton ohne Fenster, dafür mit besonderer Haustechnik ist - sieht man einer MZA die Schutzaufgabe nicht unmittelbar an.
=> In Nürnberg gibt es vier mir bekannte MZAs.

Warum?

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Warum MZAs?

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Dadurch dass diese Bauwerke eben einen zweiten Verwendungszweck haben, entsteht kein "toter Raum" der ansonsten ungenutzt wäre.
In den allermeisten Fällen handelt es sich bei MZAs um Tiefgaragen bzw. andere Verkehrseinrichtungen wie U-Bahn Stationen, Tunnel, etc.
 
Interessant ist, dass dies kein neuzeitlicher Gedanke ist, sondern es entsprechende Überlegungen auch schon im II. Weltkrieg gegeben hat. Wobei damals die Vorzeichen umgekehrt waren und man ehr einen Bunker gebaut hat, den man dann später auch als Garage nutzen wollte.
 

[...] Dazu kamen noch Projekte, die man im Sprachgebrauch des heutigen Zivilschutzes als "Mehrzweckanlagen" bezeichnen würde. Es waren dies:

  • Der Bau von öffentlichen Luftschutzräumen mit einer späteren Verwendung als unterirdische Garagen, z.B. am Kornmarkt und an anderen Stellen.
  • Der Bau eines ÖLSR, der später als Fußgängertunnel zwischen Hauptbahnhof und Königstor verwendet werden konnte.
  • Der Bau von öffentlichen Luftschutzräumen mit spä-
    terer Verwendung für die U-Bahnführung am Ring.628 [...]
Quelle: Georg Wolfgang Schramm - Der zivile Luftschutz in Nürnberg 1933-1945 (Seite: 347) / 628 = Laut Aussage von Baudirektor Schmeißner existierte damals nur ganz vage die Idee einer U-Bahn (Seite: 640)
 
Betrachtet man den vorstehenden Text so ist folgendes interessantes anzumerken:
 
  • im Bereich Kornmarkt gibt es einen Tiefbunker aus dem II. Weltkrieg der in den 70er Jahren zu einer "modernen" Zivilschutzanlage mit 1885 Schutzplätzen ausgebaut wurde. Das bemerkenswerte an der Anlage sind die noch vorhandenen Autoaufzüge. Ob es sich aber um die im "Schramm" angesprochene Anlage handelt darf bezweifelt werden, da die Autoaufzüge einen zu modenen Eindruck machen.
  • es sich bei der Tiefgarage unter dem Maximum in unmittelbarer Nachbarschaft um eine MZA modernster Bauart handelt (Anzahl der Schutzplätze: 1800)
  • Mit einen entsprechenden Bauprogramm zur Errichtung von MZAs wurde in Deutschland im Jahre 1961 begonnen

    Gesetzliche Grundlage und Regelungen:

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    Eine gesetzliche Regelung bezgl. des Baus von solchen MZAs findet sich im Gesetz über den Zivilschutz im ersten Abschnitt. Dort heißt es unter §3:
     
    § 3 Bauaufgaben des Bundes
    Bauaufgaben des Bundes sind
    1. die Neuerrichtung und Instandsetzung von öffentlichen Schutzbauwerken,
    2. die Förderung und Errichtung von Großschutzräumen als Mehrzweckbauten.
    Quelle: BZS-Schriftenreihe • Band 10 • Gesetze - Seite 14
     
    Der Kommentar des Gesetzes gibt dann noch eine Definition im schönsten "Amtsdeutsch" was denn nun eine MZA ist:
     
    [...] Mehrzweckbauten werden durch Zuwendungen des Bundes gefördert. Mehrzweckanlagen sind Bauwerke, die neben ihrer Verkehrsnutzung auch Zivilschutzzwecken dienen (Tiefgaragen, U-Bahnhaltestellen).
    Der Bund trägt die gesamten Mehrkosten, die durch den Ausbau als Zivilschutzanlage entstehen, wobei die Kosten je Schutzplatz in pauschalierter Form abgegolten werden.
    Auch für die Merhzweckbauten hat der Bundesbauminister baufachliche Richtlinien erstellt, denen die Schutzräume genügen müssen, damit eine Förderung durch den Bund erfolgen kann. [...]
     
    Quelle: Zivilschutz und Zivilverteidigung Handbücherei für die Praxis Heft A l l 3/1978 Gesetz über den Zivilschutz (Zivilschutzgesetz - ZSG) von Dr. Reiner von Kempis
     
    Ferner findet sich im Gesetz über bauliche Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung
    (SBauG) folgende Aussage:
     
    §16 Mehrzweckbauten
    (1) Soll eine bauliche Anlage mit mehr als 500 Quadratmeter Grundfläche errichtet werden, so hat der Bauherr die zuständige Behörde bei Beginn der Planungsarbeiten hiervon schriftlich zu unterrichten. Hält die zuständige Behörde das Bauvorhaben ganz oder zum Teil zur Anlegung eines nach der örtlichen Zivilschutzplanung notwendigen öffentlichen Schutzraumes für geeignet, so ist eine Weisung des Bundesministers des Innern darüber einzuholen, ob ein öffentlicher Schutzraum zu bauen ist und welchen Anforderungen er genügen muß. Die zuständige Behörde erläßt die erforderlichen Anordnungen; sie sind dem Bauherrn gegenüber nur wirksam, wenn sie binnen vier Monaten nach dem Zugehen der Unterrichtung erteilt werden. Die Baugenehmigung, eine sie ersetzende Genehmigung oder die Zustimmung darf nur erteilt werden, wenn das Vorhaben diesen Aufgaben entspricht. Bei Bauvorhaben des Bundes führt die zuständige oberste Bundesbehörde die Entscheidung des Bundesministers des Innern herbei.
    (2) Der Bund trägt die Kosten, die durch die Planung und Anlegung des öffentlichen Schutzraumes entstehen.
    (3) Bei einer Veränderung der baulichen Anlage ist der Schutzraum den neuen Verhältnissen anzupassen. Der Bund trägt die Mehrkosten, die dem Bauherrn bei einer Veränderung oder Beseitigung der baulichen Anlage durch den vorhandenen Schutzraum erwachsen.
     
    Quelle: BZS-Schriftenreihe • Band 10 • Gesetze - Seite 14
     
    Darüber hinaus wurde 1971 ein umfangreiches Regelwerk zum Thema Mehrzweckbauten aufgelegt - der Titel des Werkes: "Verfahrensregeln für die Errichtung öffentlicher Schutzräume in Verbindung mit unterirdischen baulichen Anlagen (Mehrzweckbauten)"
     
    Hier wird unter anderem auch der Beantragungsweg einer MZA aufgezeigt, sprich wer ist alles an der Beantragung und Genehmigung einer solchen Maßnahme beteiligt gewesen.

    Quelle: Zivilschutz und Zivilverteidigung
    H a n d b ü c h e r e i f ü r d i e P r a x is
    HeftC Baulicher Zivilschutz Seite 69

    Technik/ Architektur:

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    Grundsätzlich soll eine MZA Schutz bieten vor:
    • Druck-/ Stoßwellen, die bei Bombenexplosionen entstehen (Schocksicherheit)
    • Schutz vor Trümmern von einstürzenden Gebäuden
    • Schutz vor Einwirkung von ABC-Kampfstoffen
    • Schutz vor Hitze- und Brandeinwirkungen
    • und in Friedenszeiten eine Nutzung z.B. als Parkdeck, Lager etc. bieten
    Oft hört man in Zusammenhang mit Bunkern und MZAs auch, dass ist ein Atombunker und dort ist man dann vor der A-Bombe sicher. Dies ist aber so nicht ganz richtig - richtig ist, dass man in den meisten modernen Zivilschutzanlagen vor den Auswirkungen (z.B. Strahlung) geschützt ist - einen direkten Treffer oder Detonation in allernächster Nähe würde aber wohl keine Zivilschutzanlage dieser Welt aushalten.
     
    Betrachtet man nun den Aufbau einer solchen MZA, so kann man diesen in drei Teile aufteilen:
    • Aufenthaltsräume
    • Versorgung/ Sanitär
    • Technik
    Anbei nun ein paar Anmerkungen zu den Räumen...
     
    Bei den Aufenthaltsräumen handelt es sich in den allermeisten Fällen um Parkdecks bzw. öffentliche Verkehrsfläche (U-Bahnstationen, Verteilergeschosse, Tunnel, ...). Hier würden dann im Belegungsfall die Betten aufgebaut bzw. Sitzgelegenheiten geschaffen.
    Bei MZAs in U-Bahnstationen werden unter Umständen auch U-Bahnzüge mit in die Planung einbezogen, um zusätzliche Aufenthaltsfläche zu gewinnen. Dadurch entfällt dann auch u.U. die Einlagerung von Sitzmöbeln.
     
    Für die Unterbringung der "Insassen" eines solchen Bauwerks würden einfache Etagenbetten verwendet, die üblicherweise in einem seperaten Lagerraum vorgehalten werden, so dass diese nicht erst in die Anlage verbracht werden müssten. Parkende Autos die die Anlage blockieren würden ggf. mittels Schleppfahrzeugen aus der Anlage verbracht werden.
     
    An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass man selbst zur Zeit des "Kalten Krieges" von einer Zeitspanne von bis zu 2 Wochen ausgegangen ist, in der ein Konflikt eskaliert. So dass man dann innerhalb dieser Periode die Anlage hochfahren konnte (z.B. parkende Autos entfernen, Aggregate testen, Betten aufbauen, ggf. Einlagerung von Betriebs- /Lebensmitteln).
     
    Versorgungs-/ Sanitärräume bezeichnen all jene Räume die den Aufenthalt in einer solchen Anlage ermöglichen bzw. das (Über-)Leben.
    Dazu zählen Toiletten, Waschräume, Küche, Rettungsräume, Lagerräume für Lebensmittel, Sanitärartikel, Essensgeschirr, ...
    Überlicherweise sind diese Räume in Friedenszeit nicht zugänglich, allenfalls sind sie anhand der Türbeschriftungen zu identifizieren.
     
    Bei den Technikräumen muss zwischen jenen Installationen unterschieden werden die auch zu Friedenszeiten benötigt werden `(Ab- und Zuluft), Entwässerung, ... und jenen die dann einen Schutzraum-Betrieb ermöglichen. Insbesondere sind hier (-> Schutzbetrieb) zu erwähnen:
    • Sandvorfilter
      Hier wird die von aussen angesaugte Luft zum einen abgekühlt und von ersten Verunreinigungen gesäubert.
    • Raumluftfilter
      Hier erfolgt dann die weiterführende Reinigung bzw. Filterung der Luft bevor sie den eigentlichen Schutzraum geleitet wird.
    • Schleusentechnik
      Mittels der Schleusen, wird im Belegungsfall gewährleistet, dass die Anlage kontrolliert betreten werden kann. Hintergrund dafür ist, dass jedes Schutzbauwerk aufgrund von Größe und Dimensionierung der Technik nur für eine bestimmte Personenanzahl ausgelegt ist.
      Zum Einschleusen dienen entweder Drehkreuze die passiert werden müssen und einen Zählimpuls auslesen, oder aber das Schleusenpersonal zählt die jeweiligen Personen bei einen Schleusvorgang. Üblicherweise erkennt man diese Schleusen relativ leicht an ihren "dicken" Türen. Hinzu kommt, dass der Zugang meistens etwas verwinkelt ist und man nicht in einem graden Gang zu den Schleusentüren kommt. Dies hat den  Grund, dass eintreffende Druckwellen (z.B. von Bombenexplosionen) nicht direkt auf die Schleusentore treffen können.
    • Brunnenraum und Abwasser-Hebeanlage
      Dient dazu die Schutzsuchenden mit Wasser zu versorgen, bzw. die Abwässer u.a. auch aus den Sanitäranlagen in die Kanalisation zu übergeben. Ist eine Übergabe in die Kanalisation nicht möglich so werden Abwässer ggf. auch anderweitig (auf offener Straße, U-Bahn Tunnel) entsorgt.
    • Netzersatzanlage (NEA)
      Dient der Gewinnung elektrischer Energie sofern die Versorgung über das öffentliche Stromnetz nicht erfolgen kann. In den meisten Fällen handelt es sich um LKW-Motoren oder Schiffs-Diesel. Zusätzlich zur NEA finden sich meistens auch Batterien in einen seperaten Raum. Diese sollen dazu dienen, ggf. eine Notbeleuchtung aufrecht zuerhalten, wenn vom öffentl. Stromnetz auf NEA Betrieb umgeschalten wird, bzw. die NEA kurzfristig ausfällt.
    • Abluftkamine
      Eigentlich selbsterklärend, dient dazu die Abgase der NEA aus dem Schutzbauwerk zu führen. Gelegentlich werden diese Abgaskamine in Litfaßsäulen integriert.
    • Notausstiege
      Sollen das Verlassen der Anlage ermöglichen für den Fall, dass die normalen Ausgänge durch Trümmer unpassierbar werden.
    • Raum für den Bunkerwart und Steuerzentrale
    Diese Räume stellen sozusagen das eigentliche Herz der Anlage dar und sind daher gesichert, sprich nur durch das Personal begehbar und ansonsten versperrt.
     
    Nun noch ein paar gesonderte Anmerkungen, die sich auf alle Raumarten anwenden lassen, bzw. in allen Räumen anzutreffen sind:
     
    • Leuchtfarbe
      In allen Räumen eines Schutzbauwerkes finden sich an den Wänden und an vorspringenden Stellen, Treppen, ... Markierumgen aus nachleuchtender Farbe. Diese dien zu Orientierug bei Stromausfällen und soll somit verhindern dass man sich z.B. an vorspringenden Stellen stößt.
    • Schocksicherheit
      Wie bereits weiter oben geschrieben, soll ein modernes Schutzbauwerk auch Sicherheit vor Druckwellen/ -stößen bieten, neben speziellen "Druckklappen" gehört dazu auch, dass große Teile des Inventars "schocksicher" verbaut werden. So wird z.B. bei der Bestuhlung bzw. beim Einbau von Betten daruf geachtet, dass diese nicht fest mit Boden und Decke verbunden sind, sondern in einen gewissen Rahmen "frei schwingend" sind. Dies wird entweder schon durch die Art des Aufbaus (z.B. Ketten zum Aufhängen der Betten), oder aber durch die Gestelle an sich gewährleistet - in diesen Fällen werden die tragenden Teile mittels Gummipuffern zwischen Boden und Decke verspannt.
      Ebenfalls Bestandteil der Schocksicherheit diene Gurte und Nackenstützen an den Sitzplätzen.

     

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    Bautechnische Grundsätze (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe)